Montag, 14. November 2016

1. Tag Training Shepparton


Die Nacht war unruhig. Ich bin den ständigen Autolärm nicht mehr gewohnt. Zuhause ist es ruhig, still, lautlos. Eventuell ruft ein Käuzchen oder bellt ein Fuchs. Keine grölenden Besoffenen, keine Kehrmaschine, keine Polizeisirenen. Naja, aber ein Bett, Bad und eine kleine Küche ... besser als campen allemal.

Um 08.00 Uhr sollte es losgehen. Ich traf auf die anderen Teilnehmer: Glen, ein Tierpfleger aus Dubbo, der sich dort um die Elefanten kümmert. Offensichtlich hat er den Kurs schon einmal besucht und war eher als Unterstützung für Peter anwesend. Tony, der ebenfalls in NSW lebt und einige halbwilde Kamele besitzt. Er möchte sie zu Reittieren ausbilden und später Ausritte für Touristen anbieten. Jon und sein Sohn Jack aus Perth WA. Sie beabsichtigen eine Kamelmolkerei aufzubauen. Haben Null Ahnung, wittern aber das große Geschäft. Immerhin wird 1 Liter Kamel-Milch für $ 20-25,- angeboten. Nur der Weg dorthin... doch später mehr. Am nächsten Tag stieß noch Nena dazu. Sie lebt nicht weit von hier, hat eher mit Pferden zu tun. Transportiert(e) berufsmäßig Großtiere und möchte mehr über Kamele erfahren.

Zunächst ging es an die zwei Wilden. Noch vor kurzer Zeit lebten sie in freier Wildbahn, irgendwo im Outback. Eingefangen gelangten sie auf eine Kamel-Molkerei in Kyabram, nahe Shepparton. Dort sollen sie gedeckt werden und wenn ihr Kälbchen nach 14 Monaten Tragzeit geboren wird, werden sie zweimal täglich gemolken. Die Kälber müssen - anders als bei Kühen - für ungefähr 18 Monate bei ihrer Mutter bleiben, sonst versiegt deren Milch. Auch ist die Ausbeute mit 5-10 l pro Tag nicht übermäßig viel, so ist der hohe Preis verständlich. Außerdem müssen die Kamel-Kühe trainiert werden, damit das Melken erst möglich wird. So ohne weiteres lässt sich eine Kuh nicht ans Euter fassen. Es wurde mir an anderer Stelle erzählt, dass eine Kuh willkürlich den Milchfluss versiegen lassen kann, wenn sie einen bestimmten, ihr unangenehmen Melker nur von der weiten sieht. Es gehören Geduld und Fingerspitzengefühl zum Kamele melken.

Also, die zwei waren keinerlei handling gewohnt. Irgenwann bekamen sie ein Halfter und Seil verpasst - das war alles. Nun galt es, v.a. den beiden Westaustraliern zu zeigen (die ja so ein Geschäft angehen wollen), wie man mit dem Viehzeug umgeht. Zunächst fing Peter eines der beiden mit Hilfe der herunterbaumelnden Leine, band sie an den Zaun (mit Hilfe eines hitch Knotens) und nahm das Halfter ab.


Der nächste Schritt war, sie in einen Zwangsstand zu bugsieren, um das Halfter wie aufzugeben.



Dann hieß es, niederhooshen zu lernen. Bei mir dauerte das erste Mal so jeweils zwei bis fünf Stunden, bis es dem Kamel zuviel wurde und es sich letztlich herabließ, sich niederzulegen. Solche Sperenzchen liefen hier nicht. Ein Seil mit einem Ring wird von hinten zwischen die Vorderbeine geworfen, wenn es die richtige Position hat, wird das eine Seilende durch den Ring am anderen Ende gezogen und somit ein Vorderbein oberhalb der Klauen fixiert. Dann wird das lange Ende über den Rücken des Tieres auf die gegenüberliegende Seite geworfen und kräftig gezogen, bis es den Halt verliert und zusammensackt. Alles unter dem ständigen Kommando: hoosh, hoosh, hoosh,...

 
Diese Prozedur wird einige Male wiederholt und in kürzester Zeit (ca. 5-6 Wiederholungen) begreift das Tier, was von ihm erwartet wird. Man braucht nur noch das Lasso schwingen und 'hoosh' sagen, und das Kamel lässt sich nieder. Wenn es denn liegt, werden die Vorderbeine fixiert (Peter verwendet Riemen - etwas einfacher und schonender als mit Seilen) und ein Sattel aufgelegt. Okay, Sattel wäre für die beiden Kühe nicht wirklich wichtig. Sie sollen ja nicht trekken, sondern lediglich lernen, sich anfassen zu lassen. Aber mit Gewicht am Rücken tut man sich schwerer durch die Gegend zu buckeln und hüpfen.
 
 
So verging der Vormittag und nach einer Brotjause (ich habe mein Vollkornbrot und Käse selber mitgebracht. Diese schlabbrigen Sandwiches mit Salatblättern, Tomatenscheiben und Aufschnitt kriege ich nicht runter) waren meine Girls an der Reihe. 'Mit wem sollen wir anfangen?' fragte Peter. 'Starten wir mit Ali. Sie ist das Sensibelchen ... und sie wird spucken, wenn sie Angst hat.' 'Spucken? Wirklich? Na, dem kann abgeholfen werden!' sprachs und verschwand in der Scheune. Zurück kam er mit einem Maulkorb. Genäht aus Stoff. Ehe ich mich versah hatte Ali das Ding umgebunden. Sie versuchte zwar zu protestieren, gab aber sofort auf. Kamele mögen nämlich ihre eigene Kotze nicht! Pech gehabt, Sweety.
 
 
Anschließend musste sie sich niedersetzen, ihre Vorderbeine wurden fixiert und ein Sattel wurde aufgelegt. Links und rechts wurden je ein Autoreifen angehängt (soll Gewicht bringen und baumelnde Reiterbeine simulieren). Dasselbe mit Laila. Madame protestierte zwar auch, gab aber relativ schnell klein bei. Als beide gesattelt waren, hängten wir einen Trailer an mein Auto, die Kamele wurden daran festgebunden und los ging eine kleine Runde über Peters Grundstück.
 
 
Und dann war da noch die Sache mit dem nose peg. Ali verhielt sich spitzenmäßig. Naja - mit muzzle hatte sie nicht viel dagegen zu halten. Aber Laila spielte nicht mit. Peter versuchte sie mit der Nasenleine im Yard zu führen, aber Laila leistete passiven Widerstand. Sie setzte sich ständig nieder und brüllte sich die Seele aus dem Leib. Es fiel nie ein lautes Wort, sie wurde nicht geschlagen oder sonst wie malträtiert, aber ich verlor meine Nerven. Ich fing an zu heulen und sah meine Zukunft als cameleer hiermit beendet. Wie sollte ich mit dem Vieh künftig fertig werden, wenn es noch nicht mal der erfahrene Peter schafft, Laila zu bewegen. Außerdem tat sie mir Leid, da von anderer Stelle ständig behauptet wird, sie ist noch zu jung zum trainieren. Hat sie jetzt das Vertrauen in mich verloren? Letztlich gab Peter auf, sah wohl selber ein, dass es zuviel auf einmal war.
 
 
Eine letzte Runde hinter dem Trailer her. Diesmal Ali als Leitkamel und Laila hinter ihr angebunden. Funktionierte recht zufriedenstellend.
 
 
Als alle Kamele wieder von den Sätteln befreit waren und der Tag sich dem Ende neigte, wurde der Grill angeschmissen und ich zog mich zurück ins Städtchen. Beim Chinesen noch was zum futtern geholt und mit einer heißen Dusche den Stress des Tages abgespült.
 
 
 
 
 

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