Mittwoch, 16. November 2016

3. Tag Training Shepparton

Sonntag, letzter Tag. Heute sollte es etwas gemütlicher werden.

Vormittags holte Peter drei seiner Jungs von der Koppel. Cappuccino bekam einen Reitsattel, Roman und Tommy wurden vor einem Wagen, in dem die Teilnehmer Platz nahmen, gespannt.

Nomen est omen: Roman mit seiner beeindruckenden römischen Nase.

Eine angenehme Erfahrung, so ruhig im Wagen dahinzutuckern. Es fehlt das Klappern von Hufen, die Kamele bewegen sich fast lautlos auf ihren gepolsterten Sohlen.


Das wäre eine Alternative zum trekken: ein Gipsy-Wagen mit allem, was man so braucht, incl. Bett, Kühlschrank und Sonnenpanelen auf dem Dach. Nachteil wäre, dass man an die Nutzung von Straßen gebunden ist. So einfach querfeldein oder über Sanddünen wandern - das geht nicht. Außerdem müsste ich zweimal fahren. Einmal den Wagen an den Startort bringen, dann wieder zurück, die Kamele holen. Ich weiß nicht recht - ich glaube, ich bleibe dabei, die Mädels als Packtiere zu nutzen.

Jeder hatte die Gelegenheit, einen Teil der Strecke auf Cappuccino zu reiten.




Ich lehnte dankend ab. Ich will meine Mädchen nicht reiten und so wie ich mein Glück kenne, wäre ich die erste und einzige, die jemals von einem Kamel gefallen wäre.

Zweimal habe ich in meinem Leben an einem Reitausflug teilgenommen: einmal in Australien, da ging mir und zwar nur mir! der Gaul durch und ich konnte einfach keine Bremse finden (ich habe nie richtig reiten gelernt) und einmal in Österreich, am Neusiedlersee. Brave ruhige Tiere von einer Reitschule. Aber ausgerechnet mein Gaul bockte, als es nach zwei Stunden Ausritt zurück Richtung Stall ging. Anders als damals in Australien ging die Sache nicht so glimpflich aus. Offene Sprunggelenksfraktur links!  Mit anschließender Operation und sechs Monaten Ruhigstellung. Die Folgen spüre ich noch heute, 22 Jahre später. Nach längerem Stehen oder Gehen über unebenes Gelände schwillt mir der Haxen an und tut weh.

Apropos weh tun: ich war auch die einzige, die mit Blessuren den Kurs beendete! Am zweiten Tag, als wir den Kamelen wieder den Sattel auflegten glaubte Ali, sie könne selbiges verhindern, indem sie sich auf die linke Seite schmiss. Blöderweise hockte ich gerade neben ihr und sah diese Aktion nicht kommen. Mit meinem rechten Fuß steckte ich unter ihr fest und der gleichseitige Unterarm bekam einen ordentlichen Tuscher von dem Metallgestell des Sattels ab. Im Nu schwoll der Arm an und begann sich zu verfärben. Die Knochen waren heilgeblieben, geschmerzt hat es trotzdem.


Einige Tage später wechselte die Farbe Richtung dunkelblau.
 
Die Tour erstreckte sich über ca. 20 km. Nach Rückkehr wurden die Kamele wieder auf ihre Koppel entlassen. Ein kurzes Lunch - mit Schlabbersemmeln - dann ging es per Auto 40 km weiter nach Kyabram auf die Kamel-Molkerei, der zukünftigen Heimat der beiden Wildfänge. Wir konnten den "Kindergarten" besuchen, der Ort, wo die Kälber die meiste Zeit des Tages gemeinsam verbringen.
 
 
Morgens und abends, wenn ihre Mütter gemolken werden, können sie sich ihren Anteil an der Milch holen, der Rest wird nach dem melken gesammelt, pasteurisiert und in Flaschen abgefüllt. Die Melkanlage ist ziemlich einfach: ein Zwangsstand, in dem die Kühe nacheinander hineingeführt werden, ein transportabler Melkapparat, der ungefähr so aussieht:


Kein Sondermodell für Kamele, ganz normales Gerät wie für Milchkühe, nur die Gumminoppen auf den Ansaugstutzen sind modifiziert.
 
Normalerweise hat die Öffentlichkeit keinen Zugang zum Betrieb, Peter ermöglichte die Ausnahme. Milch konnten wir auch probieren und ich habe 3 Liter gekauft. Zwei habe ich selber konsumiert (schmeckt angenehm cremig), eine Flasche habe ich dem Nachbarn als Dankeschön für die Versorgung der Hühner und Katze geschenkt. Auch ein paar Seifen und Lippenbalsam habe ich erworben - kleine Aufmerksamkeiten an Bekannte für das naheliegende Weihnachtsfest.

Der Nachmittag neigte sich langsam dem Ende zu. Ich verabschiedete mich von den Teilnehmern und fuhr in die Stadt. Vorher versprach mir Peter noch, beim Verladen der Girls am nächsten Morgen behilflich zu sein. "See you tomorrow six o'clock".
 


Dienstag, 15. November 2016

2. Tag Training Shepparton

Start wie gestern um 08.00 Uhr.

Im Großen und Ganzen wiederholte sich der Ablauf vom Vortag. Einfangen, niederhooshen, Vorderbeine fesseln, Sattel auflegen, kleine Runden laufen.

Besonderes Gewicht legte Peter dann auf die Zähmung des "Red Devil" - wie er Laila umbenannte. Ihre Starrsinnigkeit hatte ihn wohl herausgefordert. Laila war total angepisst und brüllte schon von weitem als sie Peters rotes Hemd sah. Glücklicherweise wusste sie zu differenzieren: mir gegenüber verhielt sie sich wie immer.

Laila dachte wohl, wenn brüllen nicht hilft, dann werde ich es mit beißen versuchen. Nur ist sie da bei Peter an die falsche Person geraten. Er schob seinen Unterarm in ihr Maul, so, dass sie es nicht mehr schließen konnte. Das ganze sah ziemlich brutal aus:


Der "Red Devil" gab nicht auf. Das Protestgebrüll ging weiter und jetzt versuchte sich Peter als Kamelflüsterer:

 
Ganz ehrlich? Laila hat nicht nachgegeben. Sie ist ein Kämpfer, durch und durch. Was sie allerdings gelernt hat: sie kann jetzt auch spucken. In den 2,5 Jahren seit ich sie bei mir habe, hat sie nicht ein einziges Mal gespuckt. Peter jedenfalls wurde von ihrem Mageninhalt ordentlich eingesaut .
 
Ich habe gelernt, dass es nicht mit Hau-Ruck geht. Nicht bei ihr. Viel Zeit und viel Geduld werden nötig sein, um sie in die richtige Richtung zu bugsieren. Vielleicht geht es auch gar nicht? Im Moment ist sie in der Pubertät, lässt sich nichts sagen, stellt alles in Frage, versucht ihren Willen durchzusetzen. Da sie ja früh von ihrer Mutti weggerissen wurde, fehlt ihr die Erziehung durch Gleichartige. Ich dachte immer, Ali ist das Problem, da sie so schnell verängstigt ist. Aber sie ist leicht zu führen weil sie versucht, alles richtig zu machen. Wir werden sehen was die Zeit bringt.
 
Nachmittags stellte uns Peter seine eigenen Kamele vor. Außer dem Bullen, der auf einer Extrakoppel gehalten wird und demnächst unter's Messer kommt (Peter ist einer der wenigen, der einen Tierarzt zum kastrieren holt. Die anderen 'alten' Profis machen es ... ohne Narkose ... selber) besitzt Peter noch einen Haufen (ca 10 - 15) anderer Kamele, die teilweise für sein Geschäft genutzt werden. Peter bietet Kamelritte auf Kirmessen, Hochzeiten, kulturellen Festlichkeiten... an. Auch hat er - bzw. haben seine Kamele - Jahrzehnte an Kamelrennen im Outback teilgenommen und dabei gutes Preisgeld kassiert. Die Arbeitstiere sind überwiegend kastrierte Bullen.
 
 
 
 
Er zeigte uns die beeindruckenden Reißzähne eines seiner Bullen. Je später die Bullen kastriert werden, desto länger wachsen die Canini (seiner Meinung nach). Es wird empfohlen, männliche Tiere erst mit 4 - 5 Jahren zu kastrieren, obwohl sie mit 2 Jahren schon fortpflanzungsfähig sind. Durch den relativ späten Zeitpunkt sollen Gelenks- und Knochenwachstumsprobleme verhindert werden, auch die Bildung von Harnröhrensteine soll durch das höhere Alter verhindert werden (oder der Abgang von Blasensteinen erleichtert). Das alles sind Erfahrungswerte, wissenschaftliche Reihenuntersuchungen liegen wohl nicht vor. Wie auch immer, von DEN Hackern wollte ICH NICHT gebissen werden.
 
 
 
Einer seiner Jungs wurde in den Yard geführt, gesattelt und jeder Kursteilnehmer hatte die Gelegenheit eine Runde zu reiten. Peter zeigte vor wie's geht.
 
 

 
Der Tag neigte sich dem Ende zu - die Mädchen waren sichtbar froh, ihre Ruhe zu haben.
 
 
Ich machte mich wieder zurück nach Shepparton und gönnte mir noch eine Pizza.
 
 

 
 


Montag, 14. November 2016

1. Tag Training Shepparton


Die Nacht war unruhig. Ich bin den ständigen Autolärm nicht mehr gewohnt. Zuhause ist es ruhig, still, lautlos. Eventuell ruft ein Käuzchen oder bellt ein Fuchs. Keine grölenden Besoffenen, keine Kehrmaschine, keine Polizeisirenen. Naja, aber ein Bett, Bad und eine kleine Küche ... besser als campen allemal.

Um 08.00 Uhr sollte es losgehen. Ich traf auf die anderen Teilnehmer: Glen, ein Tierpfleger aus Dubbo, der sich dort um die Elefanten kümmert. Offensichtlich hat er den Kurs schon einmal besucht und war eher als Unterstützung für Peter anwesend. Tony, der ebenfalls in NSW lebt und einige halbwilde Kamele besitzt. Er möchte sie zu Reittieren ausbilden und später Ausritte für Touristen anbieten. Jon und sein Sohn Jack aus Perth WA. Sie beabsichtigen eine Kamelmolkerei aufzubauen. Haben Null Ahnung, wittern aber das große Geschäft. Immerhin wird 1 Liter Kamel-Milch für $ 20-25,- angeboten. Nur der Weg dorthin... doch später mehr. Am nächsten Tag stieß noch Nena dazu. Sie lebt nicht weit von hier, hat eher mit Pferden zu tun. Transportiert(e) berufsmäßig Großtiere und möchte mehr über Kamele erfahren.

Zunächst ging es an die zwei Wilden. Noch vor kurzer Zeit lebten sie in freier Wildbahn, irgendwo im Outback. Eingefangen gelangten sie auf eine Kamel-Molkerei in Kyabram, nahe Shepparton. Dort sollen sie gedeckt werden und wenn ihr Kälbchen nach 14 Monaten Tragzeit geboren wird, werden sie zweimal täglich gemolken. Die Kälber müssen - anders als bei Kühen - für ungefähr 18 Monate bei ihrer Mutter bleiben, sonst versiegt deren Milch. Auch ist die Ausbeute mit 5-10 l pro Tag nicht übermäßig viel, so ist der hohe Preis verständlich. Außerdem müssen die Kamel-Kühe trainiert werden, damit das Melken erst möglich wird. So ohne weiteres lässt sich eine Kuh nicht ans Euter fassen. Es wurde mir an anderer Stelle erzählt, dass eine Kuh willkürlich den Milchfluss versiegen lassen kann, wenn sie einen bestimmten, ihr unangenehmen Melker nur von der weiten sieht. Es gehören Geduld und Fingerspitzengefühl zum Kamele melken.

Also, die zwei waren keinerlei handling gewohnt. Irgenwann bekamen sie ein Halfter und Seil verpasst - das war alles. Nun galt es, v.a. den beiden Westaustraliern zu zeigen (die ja so ein Geschäft angehen wollen), wie man mit dem Viehzeug umgeht. Zunächst fing Peter eines der beiden mit Hilfe der herunterbaumelnden Leine, band sie an den Zaun (mit Hilfe eines hitch Knotens) und nahm das Halfter ab.


Der nächste Schritt war, sie in einen Zwangsstand zu bugsieren, um das Halfter wie aufzugeben.



Dann hieß es, niederhooshen zu lernen. Bei mir dauerte das erste Mal so jeweils zwei bis fünf Stunden, bis es dem Kamel zuviel wurde und es sich letztlich herabließ, sich niederzulegen. Solche Sperenzchen liefen hier nicht. Ein Seil mit einem Ring wird von hinten zwischen die Vorderbeine geworfen, wenn es die richtige Position hat, wird das eine Seilende durch den Ring am anderen Ende gezogen und somit ein Vorderbein oberhalb der Klauen fixiert. Dann wird das lange Ende über den Rücken des Tieres auf die gegenüberliegende Seite geworfen und kräftig gezogen, bis es den Halt verliert und zusammensackt. Alles unter dem ständigen Kommando: hoosh, hoosh, hoosh,...

 
Diese Prozedur wird einige Male wiederholt und in kürzester Zeit (ca. 5-6 Wiederholungen) begreift das Tier, was von ihm erwartet wird. Man braucht nur noch das Lasso schwingen und 'hoosh' sagen, und das Kamel lässt sich nieder. Wenn es denn liegt, werden die Vorderbeine fixiert (Peter verwendet Riemen - etwas einfacher und schonender als mit Seilen) und ein Sattel aufgelegt. Okay, Sattel wäre für die beiden Kühe nicht wirklich wichtig. Sie sollen ja nicht trekken, sondern lediglich lernen, sich anfassen zu lassen. Aber mit Gewicht am Rücken tut man sich schwerer durch die Gegend zu buckeln und hüpfen.
 
 
So verging der Vormittag und nach einer Brotjause (ich habe mein Vollkornbrot und Käse selber mitgebracht. Diese schlabbrigen Sandwiches mit Salatblättern, Tomatenscheiben und Aufschnitt kriege ich nicht runter) waren meine Girls an der Reihe. 'Mit wem sollen wir anfangen?' fragte Peter. 'Starten wir mit Ali. Sie ist das Sensibelchen ... und sie wird spucken, wenn sie Angst hat.' 'Spucken? Wirklich? Na, dem kann abgeholfen werden!' sprachs und verschwand in der Scheune. Zurück kam er mit einem Maulkorb. Genäht aus Stoff. Ehe ich mich versah hatte Ali das Ding umgebunden. Sie versuchte zwar zu protestieren, gab aber sofort auf. Kamele mögen nämlich ihre eigene Kotze nicht! Pech gehabt, Sweety.
 
 
Anschließend musste sie sich niedersetzen, ihre Vorderbeine wurden fixiert und ein Sattel wurde aufgelegt. Links und rechts wurden je ein Autoreifen angehängt (soll Gewicht bringen und baumelnde Reiterbeine simulieren). Dasselbe mit Laila. Madame protestierte zwar auch, gab aber relativ schnell klein bei. Als beide gesattelt waren, hängten wir einen Trailer an mein Auto, die Kamele wurden daran festgebunden und los ging eine kleine Runde über Peters Grundstück.
 
 
Und dann war da noch die Sache mit dem nose peg. Ali verhielt sich spitzenmäßig. Naja - mit muzzle hatte sie nicht viel dagegen zu halten. Aber Laila spielte nicht mit. Peter versuchte sie mit der Nasenleine im Yard zu führen, aber Laila leistete passiven Widerstand. Sie setzte sich ständig nieder und brüllte sich die Seele aus dem Leib. Es fiel nie ein lautes Wort, sie wurde nicht geschlagen oder sonst wie malträtiert, aber ich verlor meine Nerven. Ich fing an zu heulen und sah meine Zukunft als cameleer hiermit beendet. Wie sollte ich mit dem Vieh künftig fertig werden, wenn es noch nicht mal der erfahrene Peter schafft, Laila zu bewegen. Außerdem tat sie mir Leid, da von anderer Stelle ständig behauptet wird, sie ist noch zu jung zum trainieren. Hat sie jetzt das Vertrauen in mich verloren? Letztlich gab Peter auf, sah wohl selber ein, dass es zuviel auf einmal war.
 
 
Eine letzte Runde hinter dem Trailer her. Diesmal Ali als Leitkamel und Laila hinter ihr angebunden. Funktionierte recht zufriedenstellend.
 
 
Als alle Kamele wieder von den Sätteln befreit waren und der Tag sich dem Ende neigte, wurde der Grill angeschmissen und ich zog mich zurück ins Städtchen. Beim Chinesen noch was zum futtern geholt und mit einer heißen Dusche den Stress des Tages abgespült.
 
 
 
 
 

Sonntag, 13. November 2016

Die Anreise zum Kurs Shepparton

Um 03.30 Uhr läutete der Wecker. Mist, ich hatte doch zwei Wecker gestellt, einen um 03.00 Uhr und einen um 03.30 Uhr. Offensichtlich hatte ich den ersten zwar gestellt, aber nicht aktiviert! Egal, ich war wach und hatte keine Zeit mehr, um mich langsam zu akklimatisieren. Husch, husch raus aus den Federn. Morgentoilette, starken Kaffee brühen, Marmeladenbrot essen und ... packen. Mehrere Plastiktüten gegrapscht und alles reingeschmissen, was irgendwie von Nutzen sein könnte. Einen Beutel für Kleidung, einen für Toilettenartikel, den Rucksack für die Elektronik, meine Handtasche mit dem wichtigsten: Geldbörse mit Kreditkarten. Alles rein ins Auto, noch schnell die Hühner und Katze füttern. Mittlerweile war es 06.00 Uhr.

Ach, herrlich. Die Girls waren so zeitig in der Früh noch nicht auf Krawall gebürstet. Anleinen und auf den Hänger laden waren ein Leichtes, 06.30 Uhr und ich konnte das Einfahrtstor hinter mir schließen. Die Reise konnte beginnen.

Als ich am Tor stand setzte plötzlich mein Hirn aus. So muss Alzheimer sein: ich wusste nicht mehr, wie man die Scheibenwaschanlage in Gang setzt! Ich zog an dem Hebel, ich drückte auf ihn, es tat sich - welch Wunder - nichts. Ich las "pull", zog wieder (in die falsche Richtung) an dem Hebel und es überkam mich eine Welle der Hilflosigkeit und Verzweiflung. Einst las ich einen Bericht über eine amerikanische Hochschulprofessorin, die in ihren Vierzigern an Alzheimer erkrankte. Sie rief ihren Mann an, weil sie nach einer Autofahrt nicht mehr wusste, wie der Motor abzustellen war. Genauso erging es mir. Nach wenigen Minuten gelang es mir dann doch, den Hebel richtig zu betätigen. Aber die Situation , diese Ohnmacht, geht mir nicht mehr aus dem Schädel.
 
180 km später, in Renmark, habe ich mich das erste Mal verfahren. Eine Abfahrt übersehen und nach zehn Kilometer gemerkt, dass ist wohl die falsche Richtung. Wieder zurück ins Örtchen und diesmal höllisch aufgepasst wo's lang geht.

Die Brücke, die den Murray River überspannt, wird gerade saniert. Eine Ampel regelt den einspurigen Verkehr. Ziemlich heikle Angelegenheit. Eng: links das Wasser, rechts hochragende Brückenpfeiler, vorne und hinten Autos. Die Mädels tanzten Samba im Hänger, aber wir hatten es irgendwann gepackt. Vor uns tuckerte ein dunkelroter, als Wohnmobil umgebauter LKW mit deutschem (!) Kfz Kennzeichen. Anders als die Aussis fuhr er konstant 80 km/h - so schnell langsam wie wir auch waren. Ich dachte, es sei doch nett, ein paar Worte mit den Insassen zu wechseln. Tatsächlich hielten sie 70 km später an einer Parkbucht, ich nutzte die Gelegenheit und stoppte ebenfalls. Hannelore und Christian aus Hameln sind mit ihrem Truck um die Welt unterwegs. Kamen aus Südafrika nach Perth, durchquerten die Nullabor und sind auf dem Weg nach NSW, um von dort nach Neuseeland überzusetzen. Christian schoss ein paar Fotos, die er mir freundlicherweise später mailte.

 
 
 
 
Hätte gerne noch länger geredet, aber die Zeit drängte. Ich wollte unbedingt noch im Hellen ankommen.
 
 
Unser Gefährt von hinten, back on the road again.
 
Kurze Zeit später verließ ich den Sturt Highway und zockelte ein wenig auf der Landstraße. Hatte den Vorteil, nicht so viel Verkehr aufzuweisen. Jedes Auto, komme es von hinten uns zu überholen oder von vorne und knapp an uns vorbei, macht die Tiere im Hänger nervös. Jedes tänzeln spüre ich im Auto, die Fahrt ist eine ununterbrochene Herausforderung.
 
Bei Red Cliffs Richtung Süden, Swan Hill, Kerang, Echuca. Zwischendurch Pinkelpause und Jausenbrot. Der Parkplatz am Murray River wurde auf Grund der Gelsenplage schnell ungemütlich. Es hatte in den vergangenen Monaten so viel geregnet wie selten zuvor. Überschwemmungen ließen kleine Seen und große Pfützen zurück, eine Hochburg für die mozzies. So war meine Käsesemmel schnell verzehrt. Noch ein paar Zweige von den Akazien abgebrochen, die Mädels hatten sichtlich Hunger.
 
In Echuca habe ich mich das zweite Mal und diesmal gründlich verfahren. Ich war kurz vor meiner Leistungsgrenze, nicht mehr aufnahmebereit. Insgesamt 80 km mit der Kirche ums Dorf gefahren, gegen 18.30 Uhr dann endlich in Cosgrove bei Shepparton gelandet.
 
Der Teamleiter und Eigentümer Peter half mir, den Hänger abzukuppeln und die Girls abzuladen. Ihnen wurde eine Koppel zwischen zwei Wildfängen und einem Bullen zugewiesen. Es gefiel ihnen offensichtlich gut, vor allem der Bulle war SEHR interessant.
 
 
Zwei zu trainierende Wildfänge
 
 
Bam-Bam, ein Bulle
 
 
Ich habe mich schnell Richtung Hotel vertschüsst. Die Viecher waren gut versorgt, ich wollte nur noch meine Ruhe.

 

Samstag, 5. November 2016

Vorbereitungen Kurs Shepparton

Am Sonntag, den 23.10. konnte ich endlich das lange geplante Trailertraining durchführen. Der gravel ist verteilt worden, das Rangieren des Anhängers war ungehindert möglich. Es war sonnig und windstill. Sonntags bietet sich an, weil die Farmer weniger aktiv sind.

Der Beginn war schon mal katastrophal. Nachdem ich Ali im Hänger angebunden hatte und Laila endlich auch Richtung Rampe unterwegs war, entstand plötzlich ein Gerangel. Ali hatte sich etwas schräg gestellt und Laila wusste nicht ob sie links oder rechts hinsollte und rempelte Ali an. Ali wiederum wollte ausweichen und zog mit aller Kraft zurück. So stark, dass das Halfter riss. An zwei Stellen, eine wahre Meisterleistung. Alle wieder von Bord, ein anderes Halfter auftreiben, zusätzlich Fixierung mit einem Seil. War ganz gut, dass mir das in der Trainingsphase passiert war. Habe die Lektion gelernt: immer Sicherungsseil beim Transport, sich nicht auf Halfter und Leine verlassen.

Nach einer kurzen Fahrt Richtung Hügel, habe ich sie auf einer Seitenstraße ausgeladen und wir sind ein Stück gelaufen. Ging ganz gut, bis nach einer halben Stunde Ali wieder leichte Panikattacken hatte. Ihre übliche Methode: schneller laufen und sich quer vor mich und Laila stellen. Bedeutet stehen bleiben, Pirouette drehen und wieder geradeaus richten. Bin wieder zurück und ohne Komplikationen zu Hause angekommen. Vorher noch ein kleiner Umweg durchs Nachbardörfchen, um sie dem Verkehr auszusetzen.



Montags brachte ich den Hund in eine Tierpension. Unterwegs erhielt ich eine Nachricht, dass der earthmover sein Honorar (in cash) wollte. Großspurig habe ich gesagt, no problem - werde die Kohle besorgen. Nachdem ich von der Hundepension in den nächstgelegenen Ort gefahren bin musste ich feststellen, dass die Bankfiliale dicht gemacht hatte. Nur noch ATM, aber eine größere Summe spuckt der Automat nicht aus. Shit. Natürlich hätte ich sagen können, er kriegt das Geld wenn ich zurück bin, aber die Blöße wollte ich mir nicht geben. Auf dem Heimweg kam mir die Idee, nach Clare zu fahren. Mittlerweile war ich orientierungslos irgendwo auf einer Nebenstraße und der Weg nicht ausgeschildert. Nach Gefühl und Schnauze bin ich weiter und habe alles in allem zwei Stunden Umweg verfahren. Aber das Geld letztendlich in der Tasche gehabt. Das Auto vollgetankt und nach der Heimkehr angefangen das Haus zu putzen.

Ein unmögliches Unterfangen. Wenn man hausfrauliche Tätigkeiten hasst so wie ich, ist es schlicht ausgeschlossen das Haus in einem Tag sauber zu kriegen. Abgesehen davon, dass es jeder Logik entbehrt zu putzen, an Stelle zu packen. Aber es war mir ein dringendes Bedürfnis. So habe ich wie eine Irre am Dienstag geputzt und Decken gewaschen, gekehrt, gesaugt, gewischt. Abends dann die Girls in den Stall gebracht bringen wollen, um sie am nächsten Morgen nicht auf der Koppel einfangen zu müssen. Laila war furchtbar. Mittendrin auf dem kurzen Rundgang fiel es ihr ein, mit Ali raufen zu müssen. Sie kriegt ganz große Augen, beugt sich zur Ali und beißt ihr in den Hals. Ali will ausweichen, dreht sich im Kreis, ich hänge an beiden Halftern und versuche Laila zu disziplinieren. Ok, in meiner Verzweiflung haue ich mit meinem Stock auf sie ein - absolut und völlig wirkungslos. Das Gerangel endet mit viel Gebrüll, wenn Ali sich niederfallen lässt und Laila triumphierend auf ihr sitzt. Nach wie vor schreie ich mir die Seele aus dem Leib um Laila wieder auf Kurs zu bringen. Irgendwann steht sie auf, wir gehen ein paar Schritte und das Theater geht von vorne los. Ich bin mittlerweile schweißgebadet. Laila hat diabolischen Spass, Ali scheißt sich an. Nach mehreren 'Anfällen' konnte ich die Girls Richtung Zaun manipulieren. Dort band ich Laila an und marschierte friedlich mit Ali in den Stall. Nun flippte Laila völlig aus. Sie bockte und brüllte und sprang hin und her, weil sie ihre Kumpanin nicht mehr sehen konnte. Ich zwang sie, sich nieder zu hooshen. Dauerte eine gute halbe Stunde, weil sie einfach nicht aufhörte herum zu hampeln. Als sie sich dann doch beruhigt hatte, erlaubte ich ihr, wieder aufzustehen und ich konnte sie wie einen gut trainierten Hund in den Stall führen. Anschließend koppelte ich den Hänger an das Auto und belud es mit Futter, Trog und ihrem ganzen Leinengedöns.